Was wäre, wenn wir einfach miteinander essen?
Heute Morgen ist mir mal wieder ein Gedanke gekommen. So einer, bei dem ich eigentlich gerade ganz andere Dinge machen wollte und plötzlich im Kopf schon wieder irgendwo Räume einrichte, Menschen an Tische setze und überlege, ob das nicht tatsächlich funktionieren könnte. 🤣
Auslöser war eine leerstehende Gaststätte. Komplett eingerichtet, mit Küche, mehreren Gasträumen und jeder Menge Platz. Und plötzlich dachte ich: Was wäre, wenn man daraus gar nicht wieder einfach nur eine Gaststätte machen würde?
Nicht, weil ich etwas gegen Gaststätten hätte. Sondern weil wir gerade ein ganz anderes Problem haben.
Es gibt Menschen, für die eine warme Mahlzeit zum finanziellen Problem wird
Lebensmittel sind teuer geworden. Mieten, Strom, Versicherungen und alles, was sonst noch jeden Monat bezahlt werden muss, ebenfalls. Und irgendwann bleibt bei manchen Menschen einfach nicht mehr viel übrig.
Dabei rede ich nicht von irgendeiner bestimmten Gruppe. Nicht nur von Rentnern, nicht nur von Arbeitslosen, nicht nur von Familien. Und auch nicht von den Menschen, die wir gerne in die Schublade „bedürftig“ stecken.
Ich rede von Menschen.
Ein junger Mensch kann genauso wenig Geld haben wie ein alter. Ein Mensch kann arbeiten gehen und trotzdem jeden Euro umdrehen müssen. Und ein anderer kommt finanziell vielleicht wunderbar zurecht.
Deshalb möchte ich gar keinen Ort schaffen, an dem man erst einmal erklären muss, warum man dort essen darf. Keine Suppenküche. Keinen Ort für „die Armen“. Sondern einen Ort für Menschen.
Zwei oder drei Euro für ein warmes Essen
Was wäre, wenn es jeden Mittag ein einfaches Buffet gäbe? Keine Speisekarte mit 30 Gerichten, keine aufwendige Gastronomie – sondern gutes, normales Essen. Eine Suppe oder ein Eintopf. Ein warmes Gericht. Vielleicht etwas Vegetarisches, Salat. Dinge, die sich in größeren Mengen gut vorbereiten und kochen lassen.
Und jeder zahlt dafür denselben kleinen Betrag. Vielleicht 2 Euro, vielleicht 3 Euro. Das müsste man natürlich erst vernünftig kalkulieren. 💶
Aber der Gedanke dahinter ist: Das Essen soll ungefähr so viel kosten, wie es den Menschen auch kosten würde, wenn sie zu Hause selbst kochen.
Wer diesen Betrag bezahlen kann, bezahlt ihn. Wer mehr geben kann und möchte, gibt mehr. Vielleicht bezahlt jemand 5 Euro, ein anderer 10. Und wieder jemand sagt: „Heute gebe ich 20 Euro. Dann ist für jemand anderen etwas mit drin.“ Nicht als Pflicht, sondern freiwillig.
Und niemand muss erklären, warum er da ist
Das ist mir an dieser Idee besonders wichtig. Ich möchte keinen Tisch für Menschen mit wenig Geld und daneben einen Tisch für diejenigen, die mehr haben. Ich möchte auch kein besonderes Essen für Menschen, die sich das andere nicht leisten können.
Alle essen dasselbe.
Der Mensch, der 3 Euro bezahlt hat. Derjenige, der 10 Euro gegeben hat. Und auch derjenige, dessen Essen vielleicht durch einen Gutschein finanziert wurde.
Denn auch das könnte ich mir vorstellen: Eine Kommune könnte beispielsweise Essensgutscheine für Menschen zur Verfügung stellen, bei denen selbst zwei oder drei Euro am Tag irgendwann zu viel sind. Wie Bedürftigkeit festgestellt wird und wer solche Gutscheine bekommt, müsste dann aber nicht am Essenstresen entschieden werden.
Dort ist ein Gutschein einfach ein Gutschein. Und der Mensch ist einfach ein Mensch, der zum Essen gekommen ist.
Vielleicht geht es dabei irgendwann gar nicht mehr nur ums Essen
Denn es gibt noch etwas anderes, über das wir viel zu selten sprechen.
Menschen sind einsam.
Auch hier meine ich nicht nur alte Menschen. Ein Mensch kann mit 25 einsam sein, mit 43, mit 67 oder mit 90. Man kann allein leben und das wunderbar finden. Und man kann allein leben und darunter leiden.
Ob ein gemeinsamer Mittagstisch einen einsamen Menschen tatsächlich dazu bringt, seine Wohnung zu verlassen? Keine Ahnung. Vielleicht ja, vielleicht auch nicht. Aber zumindest gäbe es einen Ort, an den er gehen könnte. Und dort müsste niemand sagen: „Ich bin einsam.“
Vielleicht kommt einer wegen des günstigen Essens. Der nächste, weil er in der Nähe arbeitet und Mittagspause hat. Eine andere, weil sie heute keine Lust hat zu kochen. Und jemand kommt vielleicht tatsächlich, weil er sonst wieder allein am Küchentisch sitzen würde.
Niemand muss seinen Grund nennen.
Und was ist mit Menschen, die gar nicht hinkommen?
Auch darüber habe ich heute Morgen nachgedacht. In vielen Gemeinden gibt es inzwischen Bürgerbusse oder ähnliche Angebote. Vielleicht könnte man solche vorhandenen Strukturen irgendwann einbeziehen.
Nicht, um Essen auszufahren. Sondern um Menschen abzuholen. Nicht das Essen zum Menschen bringen, sondern dem Menschen ermöglichen, zum Essen und zu anderen Menschen zu kommen. Denn auch Mobilität darf am Ende nicht der Grund sein, warum jemand ausgeschlossen bleibt.
Menschen könnten nicht nur essen, sondern auch mitmachen
Auch die Küche müsste für mich anders funktionieren als in einer normalen Gaststätte. Natürlich braucht es eine professionelle Küchenleitung. Jemand muss Speisepläne erstellen, Mengen kalkulieren, einkaufen und dafür sorgen, dass Hygiene und Abläufe stimmen.
Aber vieles andere könnten Menschen gemeinsam machen. Gemüse putzen, Kartoffeln schälen, vorbereiten, kochen, Tische decken, das Buffet aufbauen, spülen und aufräumen.
Der eine kann vielleicht hervorragend kochen, die andere backt gerne. Jemand kann vielleicht körperlich nicht viel leisten, aber zwei Stunden Gemüse schnippeln. Und der nächste möchte einfach gerne gebraucht werden. Nicht jeder muss helfen. Aber jeder, der möchte und kann, dürfte etwas beitragen.
Natürlich reichen zwei oder drei Euro dafür nicht
Das weiß ich auch. 😮💨 Eine professionelle Küchenleitung muss bezahlt werden. Lebensmittel kosten Geld, Energie kostet Geld. Versicherungen, Reinigung, Instandhaltung und vieles mehr ebenfalls.
Deshalb müsste ein solches Modell auf mehreren Beinen stehen: Durch Menschen, die freiwillig mehr für ihr Essen bezahlen. Durch Patenschaften und Spenden. Vielleicht durch Unternehmen aus der Umgebung, die das Projekt unterstützen. Durch Kommunen und Fördermöglichkeiten. Oder durch Menschen, die sagen: „Ich übernehme diesen Monat zehn Mittagessen“ oder „Hier sind 50 Euro. Macht damit jemanden satt.“
Wie genau sich so etwas finanzieren ließe, weiß ich heute Morgen noch nicht. Ich habe keinen Businessplan, keine fertige Kalkulation. Und ich weiß auch nicht, welche Rechtsform oder welcher Träger für so etwas sinnvoll wäre. Ich habe zunächst einmal nur einen Gedanken.
Aber dieser Gedanke kommt mir verdächtig bekannt vor
Denn eigentlich beschäftige ich mich mit genau dieser Frage schon länger: Wie können wir Strukturen schaffen, in denen Menschen auch dann dazugehören, wenn sie nicht viel Geld haben?
Aus dieser Frage ist Anfang 2026 mein Buch DAS LEBENSHAUS – Ein Dorf baut Hoffnung entstanden. Damals hieß es zunächst noch „Ein Dorf wird autonom“. Im Juni habe ich Band 1 noch einmal überarbeitet, ein neues Cover gestaltet und auch Teile des Inhalts verändert. 📖
Band 1 war ursprünglich überhaupt nicht als Roman gedacht. Es sollte ein Sach- und Konzeptbuch werden. Und eigentlich hatte ich damit sogar einen Plan: Ich wollte das Buch an Menschen verteilen, die in Gemeinden und Orten etwas entscheiden können. An Menschen, die vielleicht irgendwann sagen: Warum eigentlich nicht? Warum könnten wir Wohnen, Älterwerden und Zusammenleben nicht auch einmal anders denken?
Ich wollte meine Idee nicht nur aufschreiben. Ich wollte sie in die Welt tragen.
Tja. Geschrieben habe ich das Buch. Verteilt habe ich es nicht. Mir fehlte schlicht der Mut dazu. 😔
Stattdessen passierte beim Schreiben etwas anderes: Aus dem Konzept entstand nach und nach das Lebenshaus, seine Bewohner bekamen Namen und Geschichten – und schließlich wurden aus einem geplanten Sach- und Konzeptbuch mehrere Bücher.
Aber die ursprüngliche Idee ist geblieben. Und ausgerechnet heute Morgen sitze ich hier, denke über eine leerstehende Gaststätte nach und erwische mich bei dem Gedanken, Band 1 vielleicht doch noch einem Bürgermeister in die Hand zu drücken. Manchmal brauchen Ideen offenbar ein bisschen länger. ⏳
Mich beschäftigte die Frage, wie Menschen später leben können, wenn ihre Rente klein ist, wenn sie vielleicht allein sind, wenn das eigene Zuhause irgendwann nicht mehr passt – und wenn sie trotzdem noch viel zu viel Leben in sich haben, um irgendwo in Grau und Beige auf den Nachmittagskaffee und irgendwann auf den Tod zu warten.
Also habe ich ein anderes Modell entworfen: Ein Lebenshaus. Ich habe über Wohnungen nachgedacht, über Finanzierung, über Strukturen, über Arbeit, über Unterstützung. Und natürlich auch über einen Ort, an dem Menschen zusammenkommen und essen können.
Damals habe ich das Lebenshaus auf Papier gebaut. Heute Morgen entstand plötzlich eine ganz andere Frage in meinem Kopf:
Vielleicht könnten wir einfach mit dem Mittagessen anfangen
In vielen Orten gibt es Räume. Gaststätten, die leer stehen. Küchen, die vorhanden sind. Bürgerhäuser, Vereinsräume. Orte, die zumindest zeitweise nicht so genutzt werden, wie sie genutzt werden könnten.
Und gleichzeitig gibt es Menschen. Menschen mit wenig Geld, Menschen mit genug Geld. Menschen, die allein sind, Menschen, die mitten im Leben stehen. Menschen, die gerne kochen, Menschen, die gerne helfen, Menschen, die gerne essen.
Vielleicht müsste man sie nur zusammenbringen. Nicht als Sozialfall, nicht als Bedürftige, nicht als Helfer und Hilfsempfänger. Sondern einfach als Menschen.
Vielleicht kostet das Essen am Ende zwei Euro, vielleicht drei. Vielleicht funktioniert meine Idee überhaupt nicht. Aber vielleicht sitzt irgendwann jemand an einem Tisch, der normalerweise allein zu Hause gegessen hätte. Neben ihm sitzt jemand aus einer Firma in der Mittagspause. Gegenüber jemand, der heute etwas mehr bezahlt hat. Und irgendwo in der Küche schält gerade jemand Kartoffeln, weil er genau das gerne macht.
Keiner weiß, wer wie viel Geld hat. Keiner muss wissen, warum der andere gekommen ist. Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Was wäre, wenn wir einfach miteinander essen? Nicht füreinander. Nicht die einen für die anderen. Miteinander.
Ich finde, darüber könnte man zumindest einmal nachdenken. Oder?
💬 Jetzt seid Ihr gefragt!
Wie gefällt Euch dieser Gedanke? Gibt es bei Euch im Ort auch Leerstände, die man so wiederbeleben könnte? Würdet Ihr in so einer „Mitmach-Küche“ essen gehen oder vielleicht sogar selbst beim Kartoffelschälen helfen?
Schreibt es mir unbedingt in mein Gästebuch – ich bin extrem gespannt auf Eure Gedanken! 👇