Pfingsten in Buchholz ist mehr als ein langes Wochenende.
Es ist ein Stück Dorfgeschichte, das sich jedes Jahr neu schreibt – getragen von Tradition, Arbeit, Chaos und einer Jugend, die mehr leistet, als viele glauben.
Nostalgie: Als wir noch an der Tankstelle feierten
Als ich vierzehn war, fand das Pfingstfest noch an der Tankstelle statt.
Mit Zelten, in die man hineinkroch, wenn man müde war.
Mit Kartoffeln, die wir sonntags morgens stundenlang schälten, damit Reibekuchen gebacken werden konnten.
Mit Arbeitsplänen, die streng verteilt wurden.
Und mit einem Baum, der bewacht wurde wie ein Schatz.
Der Baum wurde Wochen vorher geholt, am Samstagmittag aufgestellt – und das war der Startschuss.
Danach begann das Eier‑Sammeln. Von Haus zu Haus, begleitet vom Pfingstlied, das durchs ganze Dorf hallte.
Und dann gab es die aufgebrezelten Mädchen.
Weiße Adidas‑Schuhe, hohe Absätze, lange Fingernägel – alles Dinge, die Pfingsten zuverlässig zerstörte.
Pfingsten war nie ein Catwalk.
Pfingsten war immer Realität.
Logistik im Hintergrund – die Jugend stemmt das Fest
Irgendwann zog das Fest um:
erst zur Grillhütte unterhalb des Gasthauses Stroh, später zum Schützenhaus, wo es heute seinen festen Platz hat.
Der Baum für dieses Jahr ist schon da.
Letzten Samstag wurde er gebracht und geschält – mit Bier, lauter Musik und einem dieser warmen Frühlingstage, an denen die Jugendlichen lachen, als würde der Sommer schon beginnen.
Gestern kam das erste Feuerholz.
Ein Trecker brachte es in mehreren Touren.
Ein Feuer wird die ganzen Tage brennen.
Bis dahin wird aufgebaut:
- Zelt mit Küchenecke
- Bierpavillon, Tische und Bänke
- Toilettenwagen & Deko
- Kühlwagen füllen
- Gläser spülen
- Einkaufslisten abarbeiten
- Arbeitspläne ändern
- kleine und große Katastrophen managen
Alles organisiert von jungen Menschen aus dem Dorf.
Wer glaubt, die Jugend sei „für nichts zu gebrauchen“, sollte sich anschauen, was hier jedes Jahr entsteht.
Eiersingen – der schiefe Chor, der alles trägt
Das Fest beginnt offiziell mit dem Baumaufstellen.
Das Eiersingen startet aber schon freitags – das Dorf ist gewachsen, und die Sänger möchten auch etwas vom Fest haben.
Vor den Haustüren der Bewohner wird gesungen:
„Gibt uns doch ein Pfingstei – Ri Ra Röschen…“
Eine Gruppe Jugendlicher, jeder in einem anderen Aggregatzustand.
Zwei frieren. Drei schwitzen.
Einer hat schon wieder seinen Text vergessen.
Einer hält die Bierflasche wie ein Mikrofon.
Und eine steht so weit hinten, dass sie grundsätzlich eine halbe Sekunde zu spät singt.
Jemand klingelt. Die Haustür bleibt zu.
Also fangen sie an.
Ein schiefer Einsatz hier, ein zu lauter Ton dort.
Ein Murmeln, ein Lachen, ein „Rii…Raa…Röö…dingens…“ aus der dritten Reihe.
Einer singt eine Oktave höher, eine eine Oktave tiefer.
Einer gar nicht – weil er denkt, er singt.
Und eine filmt alles für Instagram.
Dann geht die Haustür auf.
Alle erschrecken kurz – und plötzlich singen sie wie aus einem Guss.
Laut, stolz und komplett schief.
Die Frau im Türrahmen lacht.
Sie gibt Eier. Und ein bisschen Geld.
Die Jugendlichen bedanken sich, stolpern über ihre eigenen Füße und ziehen weiter –
wie ein wandernder, leicht alkoholgeschwängerter Chor,
der nie proben musste, weil Tradition alles trägt.
Wanderungen, Nachtwachen und kleine Katastrophen
Ein fester Bestandteil sind die Wanderungen zwischen den Pfingstfesten der Gemeinde:
Solscheid, Oberscheid, Kölsch‑Büllesbach, Mendt…
Manchmal gab es sogar einen Shuttleservice.
Gibt es den eigentlich noch?
Die meisten gehen zu Fuß:
durch den dunklen Wald, über matschige Abkürzungen, mit leicht erhöhtem Alkoholpegel oder einem Blackout, der am nächsten Tag nur noch als Anekdote taugt.
Und manchmal kommt auch die Polizei vorbei.
Nicht dramatisch – eher traditionell.
Man kennt sich.
Unvergessen sind die Nächte, in denen der DJ einschläft und im Schlaf den Lautstärkeregler nach oben schiebt.
Dann wird schon mal ein ganzes Dorf um fünf Uhr morgens beschallt.
Gummistiefel‑Realität
Dieses Jahr spielt das Wetter wieder eine besondere Rolle.
Regen ist angekündigt. Viel Regen.
Eine Wiese, die einmal richtig nass ist, trocknet bis Pfingsten nicht mehr ab.
Also:
Gummistiefel sind die beste Investition.
Natürlich gibt es jedes Jahr Beschwerden:
über Musik, Rauch, Lärm.
Doch in Wahrheit ist es etwas anderes:
Es ist ein Dorf, das sich kennt.
Ein Dorf, das miteinander feiert.
Ein Dorf, das Traditionen weitergibt – auch wenn sie sich verändern.
Warum Pfingsten hier Heimat ist
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Pfingsten hier nie einfach nur ein langes Wochenende ist.
Sondern ein Stück Heimat.
Auch in meiner Buchserie DAS LEBENSHAUS schreibe ich über dieses Miteinander.
Während ich an Band 3 arbeite, merke ich:
Die besten Geschichten schreibt das Dorfleben selbst.