Über Astrid – persönlich, echt, unverwechselbar
Ich bin 60.
Dafür hätte ich, glaube ich, eine Medaille verdient.
Aber ich nehme sie erst an, wenn ich 100 werde.
Vorher glaube ich gar nichts.
Ich bin eine Frau, die viel erlebt hat, viel getragen hat und trotzdem lachen kann.
Manchmal sogar über mich selbst.
Vor allem über mich selbst.
Mein Körper und ich – eine lange Beziehung
Endometriose.
Fibromyalgie.
Dreimal Gürtelrose.
Eine Depression, die mich 2025 fast aus dem Leben geworfen hätte.
Und dann war da der Tag, an dem mein Mann einfach umgefallen ist.
Tot.
Weg.
Ohne Vorwarnung.
Ein weiterer Herzinfarkt.
Ich habe mich lange schuldig gefühlt.
Wofür eigentlich?
Das frage ich mich heute.
Damals nicht.
Meine Kollegen nannten mich „die Frau eigentlich“.
Weil ich in jeder Analyse irgendwann sagte:
„Eigentlich müsste man…“
„Eigentlich sollte man…“
„Eigentlich wäre es besser…“
Heute weiß ich:
Eigentlich war ich einfach überfordert.
Und menschlich.
Die Tante‑Emma‑Jahre – mein echtes Studium
Von 1986 bis 2002 stand ich im eigenen Tante‑Emma‑Laden.
Das war mein wahres Studium:
Menschen, Geschichten, Absurditäten, Dorfpsychologie, Lebensweisheiten.
Ich habe dort mehr über das Leben gelernt als in jedem Seminarraum.
Zum Beispiel:
• Die Kundin, die nach einer Woche ihr Brot umtauschen wollte,
weil es „nicht frisch“ sei und „schon ganz hart“.
Ich habe ihr ein neues gegeben.
Manchmal ist Frieden wichtiger als Logik.
• Die gefrorenen Lachsforellen, die wir gar nicht verkauften.
Eine Kundin brachte sie zurück, weil sie „innen so rosa“ blieben,
nachdem sie sie gebraten hatte.
Dass sie fünf Tage bei ihr zu Hause lagen und jetzt „wunderbar dufteten“,
erwähnte sie nur nicht, aber wir im Laden hatten den ganzen Tag etwas von dem Duft.
• Ekel Alfred– mein Mann.
Eine Angestellte gab ihm diesen Spitznamen.
Ab da sagte ich abends: „Ich muss zu Ekel Alfred ins Bett.“
Er ahnte nicht, warum.
Ich habe selten so gelacht.
Diese Jahre haben mich geprägt:
Ich habe Menschen gesehen, wie sie sind –
ehrlich, absurd, komisch, verletzlich, großartig.
Mein Leben vor FRAU A. – und warum ich heute so schreibe
Ich war zehn Jahre selbstständige Finanzberaterin.
Zahlen, Verantwortung, Entscheidungen – das war mein Alltag.
Ich war zuverlässig, pünktlich, klar.
Bin ich heute noch.
Außer bei theoretischen Prüfungen.
Die vergeige ich zuverlässig im ersten Anlauf,
weil ich zuverlässig den Prüfungstag verwechsle.
Egal, wie oft ich ihn mir notiere.
Egal, wie oft ich mich erinnern lasse.
Dazu kann ich in mündlichen Prüfungen hervorragend am Thema vorbeireden
und Prüfer mit Wissen beeindrucken, das sie gar nicht abgefragt haben.
Ich nenne das: Kompetenz mit Umwegen.
Ladys‑Dessous – der Raum, in dem Frauen ihre Weiblichkeit wiederfinden
2019 kam Ladys‑Dessous in mein Leben.
Durch Zufall – wobei ich heute weiß, dass es keine Zufälle gibt.
Es war nie als Geschäft gedacht.
Es war ein kleines DessousZimmer© in meinem Haus,
ein privater Raum, in dem Frauen etwas taten,
was sie sonst kaum irgendwo tun:
Sie begegneten ihrer Weiblichkeit.
Manchmal zum ersten Mal in ihrem Leben.
Ich liebe das Leuchten in den Augen der Frauen,
wenn sie sich bei mir zum ersten Mal in einem passenden BH sehen.
Dieses Leuchten ist kein „Oh, wie schön ich aussehe“.
Es ist ein „Da bin ich“.
Ein Wiederfinden.
Ein Aufrichten.
Ein Zurückkehren zu etwas, das sie lange verloren glaubten.
Und vielleicht ist das der Grund,
warum ich Ladys‑Dessous trotz aller Ankündigungen
nicht aufgeben kann und vermutlich nie werde.
Es ist kein Laden.
Es ist ein Begegnungsraum.
Ein Ort, an dem Frauen sich trauen,
ihre Körper nicht zu verstecken,
sondern zu verstehen.
Ein Ort, an dem ich Frauen sehe –
und sie sich selbst.
Ladys‑Dessous hat mich gelehrt,
dass Heilung manchmal mit Stoff beginnt,
aber nie beim Stoff endet.
Es beginnt mit einem BH –
und endet bei der Frage:
„Warum habe ich mich so lange klein gemacht?“
Dieser Raum gehört zu mir.
Zu FRAU A.
Zu meinem Weg.
Zu meiner Wahrheit.
Was ich alles schon gemacht habe
Ich kann Websites erstellen.
Technik ist mein bester Freund –
auf den ich manchmal so gar keine Lust habe.
Ich habe Reitunterricht gegeben.
Ich wollte ursprünglich Reitlehrerin werden.
Ich habe mein Pferd selbst eingeritten
und bandscheibentauglich gemacht.
Das war mein erstes Coaching – nur wusste ich es damals nicht.
Ich habe auf Sportplätzen gestanden,
wenn meine Jungs Fußball spielten,
und Eltern erlebt, die sich in dieser Sportart
nicht mehr wiedererkannten.
Ich sage nur: Kreisliga kann härter sein als das Leben.
Ich habe im Karneval in der Garde getanzt.
Heute gibt mir das alles nichts mehr.
Vielleicht ist das so im Alter.
Vielleicht ist es aber auch einfach ein Zeichen,
dass neue Dinge auf mich warten.
Ich habe die BIG im Ort mitgegründet
und war im Nachbarort in der Werbegemeinschaft aktiv.
Ich habe organisiert, bewegt, aufgebaut, getragen.
Und dann habe ich zehn Jahre verloren.
Die eigentlich – ups, da ist es wieder –
die besten meines Lebens werden sollten.
Jetzt hole ich sie nach.
Auf meine Art.
In meinem Tempo.
Mit meiner Wahrheit.
Was ich liebe
Das Meer.
Nordsee, Ostsee, Wind, Salz, Weite.
Wenn mein Körper könnte, würde ich Berge hochlaufen oder auf Konzerte gehen.
Heute geht das nicht mehr.
Aber die Sehnsucht bleibt.
Und manchmal reicht sie.
Ich koche für mein Leben gern.
Ich habe selten Mitesser.
Ich lese fast nur auf dem Kindle,
weil ich Bücher schlecht halten kann.
Ich habe fünf Jahre lang keinen Fernseher eingeschaltet
und heute nur selten – die Welt ist laut genug.
Ich mag keine Jammerer.
Ich mag keine Nach‑dem‑Mund‑Plapperer.
Und Innereien.
Leber, Nieren, Herz – alles, was andere gerne essen, überlasse ich ihnen.
Ich nehme lieber die Beilagen und ein gutes Gespräch.
Was mich ausmacht
Ich bin klar.
Ich bin tief.
Ich bin humorvoll, wenn es dunkel wird.
Ich bin ernst, wenn es wichtig ist.
Ich sehe Menschen, Muster, Wahrheiten.
Ich habe gelernt, mit wenig Energie viel Tiefe zu schaffen.
Ich habe gelernt, mich selbst zurückzuholen.
Nicht auf einmal –
sondern Schicht für Schicht.
Und ja:
Ich werde grau.
Es gefällt mir nicht.
Färben gefällt mir auch nicht.
Ich nehme es als Zeichen,
dass das Leben mich nicht mehr übersehen kann.
Warum ich schreibe
Weil mein Leben mich gelehrt hat,
dass Wahrheit leise beginnt.
Dass Mut nicht laut ist.
Dass Würde nicht verhandelbar ist.
Und dass Geschichten Türen öffnen können –
zu uns selbst, zueinander,
und manchmal zu einem neuen Leben.
Ich schreibe nicht aus Theorie.
Ich schreibe aus Erfahrung.
Aus Schmerz.
Aus Humor.
Aus Liebe.
Aus Freiheit.
Und genau daraus entstehen meine Bücher.

Heiligabend 2025.
Mein 60. Geburtstag.
Und ich habe es endlich geschafft, Grillwürstchen im Brötchen anzubieten.
Manche Erfolge brauchen eben ein halbes Leben.