Kontaktabbruch als einziger Weg?
Warum ich diesen Satz für gefährlich halte – und warum mein Buch trotzdem ein Happy End hat
Vor einigen Tagen bin ich auf eine Aussage gestoßen, die mich tief getroffen hat.
Sie stammt aus einer Beratungsstelle und wurde Eltern suchtkranker Kinder gesagt:
„Völliger Kontaktabbruch ist der einzige Weg, einem suchtkranken Kind zu helfen.“
Ich habe diesen Satz in den letzten Jahren so oft gehört, dass er sich wie ein Stempel in mein Mutterherz gedrückt hat.
Und jedes Mal hat sich in mir alles gesträubt.
Nicht, weil ich die Realität der Sucht nicht kenne.
Nicht, weil ich die Dynamiken nicht verstehe.
Nicht, weil ich die Erschöpfung der Eltern unterschätze.
Sondern weil dieser Satz etwas tut, das gefährlich ist:
Er macht aus einem hochkomplexen, zutiefst menschlichen Thema eine einfache Regel.
Und einfache Regeln haben in der Sucht nichts verloren.
Sucht ist kein Schwarz-Weiß-Thema
Ich bin Mutter eines suchtkranken Sohnes.
Ich kenne die Nächte, in denen man nicht weiß, ob er noch lebt.
Ich kenne die Lügen, die Manipulationen, die Abstürze.
Ich kenne die Angst, die Hilflosigkeit, die Wut.
Ich kenne den Moment, in dem man selbst kaum noch atmet.
Und ich kenne auch die andere Seite:
Die Hoffnung.
Die kleinen Schritte.
Die Rückfälle.
Die Versuche.
Die Liebe, die bleibt, auch wenn man sich schützen muss.
Sucht ist kein Zustand, den man mit einem einzigen Satz lösen kann.
Und schon gar nicht mit einem Satz, der Eltern suggeriert, sie müssten sich selbst abschneiden, um zu helfen.
Warum mein Kontaktabbruch kein Abwenden war
Im November 2025 habe ich den Kontakt zu meinem Sohn abgebrochen.
Nicht, weil ich ihn nicht liebe.
Nicht, weil ich mich abwenden wollte.
Nicht, weil ich an diesen Satz glaube.
Sondern weil ich musste.
Er rief jeden Tag an.
Er forderte.
Er drängte.
Er verstand nicht, dass es so nicht weitergeht.
Dass ich keine Luft mehr bekam.
Dass ich eine Pause brauchte, um mich zu stabilisieren.
Er war in der JVA – ein Ort, den man kaum „geschützt“ nennen möchte,
der aber für ihn der erste Ort seit Jahren war, an dem er nicht konsumieren konnte.
Für mich war es die erste Atempause seit Jahren.
Ich habe diese Pause genutzt.
Ich habe mich sortiert.
Ich habe Grenzen gesetzt, die ich früher nicht halten konnte.
Was ich sehe – und was ich nicht schönrede
Ich sehe, dass er nach wie vor Kontakt zu denselben Menschen hat wie vorher.
Menschen, die vermutlich selbst abhängig sind.
Menschen, die ihm angeblich Geld schicken.
Menschen, die ihm einen Schlafplatz anbieten, wenn er entlassen wird.
Ich sehe keine Veränderung.
Ich sehe keine Einsicht.
Ich sehe keinen Schritt in Richtung Verantwortung.
Er lehnt die Sozialberatung ab.
Er lehnt jede Form von Unterstützung ab, die ihn in die Realität bringen würde.
Er will „woanders hingehen“, „das ginge niemanden etwas an“.
Das ist keine Freiheit.
Das ist Suchtlogik.
Warum mein Brief ein Wendepunkt war
Ich habe zwei Briefe geschrieben.
Einen an ihn.
Und einen an die Sozialberatung im Gefängnis.
In diesem Brief habe ich klar gesagt, dass ich ihn nach der Entlassung nicht aufnehmen werde.
Nicht aus Härte.
Nicht aus Strafe.
Sondern aus Selbstschutz.
Und weil ich weiß, dass er eine Wohnbestätigung braucht.
Und weil ich weiß, dass er sie von mir erwartet.
Und weil ich weiß, dass er sonst wieder in die alte Dynamik rutscht:
„Mama regelt das schon.“
Nein.
Mama regelt das nicht mehr.
Durch meinen Brief ist er zum ersten Mal gezwungen, die Hilfe anzunehmen, die er bisher abgelehnt hat.
Nicht, weil ich ihn bestrafe.
Sondern weil ich ihm die Verantwortung zurückgebe, die er seit Jahren an mich abgegeben hat.
Und jetzt zu meinem Buch – und dem angeblich fehlenden Happy End
Einige Leserinnen haben mir gesagt oder geschrieben, dass mein Buch Der Tanz der Mutterliebe „kein richtiges Ende“ habe.
Dass es offen bleibt.
Dass es keine Lösung zeigt.
Dass es kein Happy End gibt.
Und ich verstehe, warum sie das so empfinden.
Sie lesen eine Geschichte über eine Mutter und ihren suchtkranken Sohn –
und sie warten auf den Moment, in dem alles gut wird.
Auf die Wendung.
Auf die Rettung.
Auf die Lösung im Außen.
Aber mein Buch ist kein Märchen.
Es ist mein Leben.
Und mein Leben hatte an dieser Stelle kein klassisches Happy End.
Es hatte etwas anderes:
einen Wendepunkt.
Das Buch endet mit dem Anruf in der JVA im November 2025,
mit meiner Bitte, dass er mich nicht mehr anrufen kann.
Mit einem Moment, in dem ich zum ersten Mal klar gesagt habe:
„Ich kann nicht mehr.
Ich muss mich schützen.“
Das ist kein fehlendes Ende.
Das ist ein Neubeginn.
Denn ab diesem Moment begann mein Weg.
Nicht seiner.
Ich durfte mich sortieren.
Ich durfte atmen.
Ich durfte mich selbst wiederfinden.
Ich durfte erkennen, was mir hilft.
Ich durfte verstehen, dass die Lösung nicht in seinem Verhalten liegt,
sondern in meiner Klarheit.
Der Weg ist nicht zu Ende.
Aber er ist ein anderer.
Mein Buch hat kein klassisches Happy End.
Aber es hat ein echtes:
Ich.