Eine Szene aus der Flamingo‑Sprechstunde im 2. Buch: Blackout im Westerwald – direkt, menschlich, mutig und mit der typischen Flamingo‑Still
Der Bankdirektor sitzt auf dem Stuhl, als würde er gleich verhört werden.
Die Hände ineinander verkrampft, der Blick flackernd, die Stirn glänzend.
Er riecht nach Stress, kaltem Schweiß und einem Leben, das gerade auseinanderfällt.
Der blaue Flamingo steht wie immer auf einem Bein.
Reglos.
Wartend.
Mit dieser Art von Stille, die Menschen dazu bringt, Dinge zu sagen, die sie nie sagen wollten.
„Also… ich… äh… ich habe da ein Problem“, beginnt der Bankdirektor.
Der Flamingo sagt nichts.
„Es ist… körperlich.“
Er zieht die Schultern hoch, als wolle er sich selbst verstecken.
„Ich… kann nicht mehr.“
Der Flamingo neigt den Kopf minimal.
Nicht wertend.
Nur aufmerksam.
„Ich war beim Arzt“, sagt der Bankdirektor hastig.
„Alles in Ordnung. Herz gut. Blut gut. Hormone gut. Alles gut.“
Er lacht kurz, ein trockenes, brüchiges Geräusch.
„Nur ich nicht.“
Der Flamingo blinzelt langsam.
Einmal.
Der Mann redet weiter, weil Stille schlimmer ist als Wahrheit.
„Meine Frau… sie… kümmert sich um alles. Immer schon.
Sie bindet mir die Krawatte.
Sie legt meine Hemden raus.
Sie macht Termine.
Sie sagt mir, wann ich zum Frisör muss.“
Er schluckt.
„Ich fühle mich wie… wie ein Kind.“
Der Flamingo hebt den Kopf ein Stück.
Ein Zeichen: Weiter.
„Und dann… dann war da diese andere Frau.“
Er senkt die Stimme.
„Sie war leicht. Frei. Unkompliziert.
Ich dachte, ich wäre wieder Mann.“
Er presst die Lippen zusammen.
„Bis sie anfing, genau das Gleiche zu tun.“
Der Flamingo setzt das zweite Bein ab.
Ein seltenes Zeichen.
Er spricht.
„Du suchst keine Frau.
Du suchst eine Mutter, die du nicht Mutter nennst.“
Der Bankdirektor atmet scharf ein.
„Dein Körper ist nicht kaputt“, sagt der Flamingo.
„Er ist ehrlich.
Er macht nicht mit, wenn du dich selbst klein machst.“
Der Mann wirkt plötzlich jünger.
Verlorener.
Echter.
„Aber… ich muss doch funktionieren“, flüstert er.
Der Flamingo schüttelt den Kopf.
„Funktionieren ist keine Lebensform.“
Dann, ruhig:
„Du hast zwei Frauen, aber keine Partnerin.
Zwei Mütter, aber keine Freiheit.
Und dein Körper hat beschlossen,
dass er nicht mehr mitspielt,
solange du nicht du selbst bist.“
„Und was soll ich jetzt tun?“, fragt der Bankdirektor leise.
„Sag die Wahrheit.
Zuerst dir.
Dann den Frauen.
Und dann dem Leben.
Und hör auf, ein Kind zu sein.
Dein Körper wartet schon lange darauf,
dass du erwachsen wirst.“
Der Bankdirektor nickt.
Langsam.
Schwer.
Aber echt.
Er geht hinaus wie ein Mann, der zum ersten Mal merkt,
dass sein Leben nicht zusammenbricht –
sondern sich neu sortiert.
🐔 Lores Notizbuch – später am Nachmittag
„Der Bankdirektor hat ein gesundes Herz.
Nur sein Leben ist eng.
Wenn Männer zu lange geführt werden,
verlernen sie das Gehen.“
„Begehren braucht Gleichgewicht.
Wenn du deine Frau ‚Mutti‘ nennst,
stellt dein Körper auf Kindheit um.
Und Kinder haben andere Prioritäten.“
„Frauen, die alles im Griff haben,
haben irgendwann nichts mehr in der Hand.“
„Wenn du ihn wie einen Jungen behandelst,
wird er sich auch so verhalten.
Und der Körper reagiert schneller als der Kopf.“
„Frauen, die zu viel geben,
verlieren irgendwann die Lust,
und Männer verlieren die Spannung.
Beides ist kein Zufall.“
„Lass ihn Mann sein.
Und bleib Frau.
Dann findet der Körper den Weg zurück.“
„Wer ‚Mutti‘ sagt,
muss sich nicht wundern,
wenn der Körper auf ‚Spielplatz geschlossen‘ stellt.“
„Männer, die geführt werden,
verlieren irgendwann die Führung.
Auch im Untergeschoss.“
Der Bankdirektor verließ den Seminarraum wie ein Mann, der plötzlich leichter ging.
Nicht glücklich.
Nicht gelöst.
Aber… ehrlicher.
Und das blieb im Haus nicht unbemerkt.
1. Die Küche – Kira, Milan und Herr Yilmaz
Kira sah ihn zuerst.
Sie stand am Steinbackofen, die Hände voller Teig, und beobachtete, wie der Bankdirektor mit einem Gesichtsausdruck vorbeiging, der irgendwo zwischen Erleuchtung und Magenkrampf lag.
„Der sieht aus, als hätte er gerade seine Steuererklärung rückwärts gelesen“, murmelte sie.
Milan nickte.
„Oder als hätte ihm jemand die Wahrheit gesagt.“
Herr Yilmaz schnaubte.
„Wahrheit ist wie Knoblauch.
Gut für den Körper, schlecht für den Moment.“
Alle drei lachten – leise, respektvoll, aber nicht ohne Neugier.
2. Die Bewohner – die stille Gerüchteküche
Im Atrium saßen Frau Sommer, Frau Ilse und Herr Brandt beim Tee.
Frau Sommer legte das Buch zur Seite.
„Er war sehr blass.“
Frau Ilse nickte.
„Blass ist nicht schlimm.
Blass ist der Anfang von Einsicht.“
Herr Brandt kratzte sich am Bart.
„Ich sag’s euch: Der Flamingo hat ihm was gesagt, das sitzt.“
„Was denn?“, fragte Frau Ilse.
Er hob die Schultern.
„Keine Ahnung. Aber es war wichtig.“
Sie nickten alle drei, als hätten sie gerade eine philosophische Wahrheit beschlossen.
3. Anni und Harald – die pragmatische Analyse
Anni kam mit einer Kiste Decken die Treppe herunter und sah den Bankdirektor an sich vorbeigehen.
„Der sieht aus, als hätte er gerade eine emotionale Wurzelbehandlung hinter sich.“
Harald, der gerade die Plancha reinigte, brummte:
„Vielleicht hat ihm mal jemand gesagt, dass er kein Kind mehr ist.“
Anni blieb stehen.
„Das wäre bei manchen Männern schon Therapie genug.“
Harald grinste.
„Bei manchen Frauen auch.“
Sie lachten beide – nicht böse, sondern wissend.
4. Jonas und Lio – die professionelle Seite
Jonas beobachtete den Bankdirektor aus der Ferne.
„Der ist heute anders reingegangen als rausgekommen.“
Lio nickte.
„Der Flamingo hat ihm etwas genommen.“
„Was denn?“
„Die Ausrede.“
Jonas dachte kurz nach.
„Das ist manchmal schlimmer als jede Diagnose.“
Lio lächelte.
„Aber besser für die Zukunft.“
5. Lore – natürlich Lore
Lore saß auf ihrem Stuhl im Atrium, das Notizbuch auf dem Schoß, und sah dem Bankdirektor hinterher.
Sie schrieb:
„Wenn ein Mann den Flamingo verlässt und nicht mehr weiß, ob er weinen oder wachsen soll,
dann hat der Flamingo gut gearbeitet.“
Dann klappte sie das Buch zu und sagte laut genug, dass es drei Tische hörten:
„Drama in Behandlung.“
Die Bewohner nickten.
Niemand fragte nach Details.
Niemand musste.
6. Lene – die Einzige, die es wirklich versteht
Lene sah den Bankdirektor aus dem Seminarraum kommen.
Sie sah die Schultern, die plötzlich tiefer hingen.
Sie sah die Augen, die nicht mehr flackerten.
Sie sah den Mann, nicht die Rolle.
Und sie dachte:
„Der Flamingo hat ihn nicht repariert.
Er hat ihn aufgedeckt.“
Sie lächelte.
Nicht aus Schadenfreude.
Sondern aus Respekt.
Und so wurde die Sprechstunde zum Thema – ohne dass jemand darüber sprach
Niemand wusste, was der Flamingo gesagt hatte.
Niemand fragte.
Niemand drängte.
Aber das Lebenshaus ist ein Ort, an dem man Atmosphäre spürt.
Und die Atmosphäre sagte:
• Da ist etwas passiert.
• Etwas Echtes.
• Etwas, das weiterwirkt.
Und Lore schrieb später:
„Manchmal verändert ein Gespräch nicht die Welt.
Aber es verändert einen Mann.
Und das reicht für den Anfang.“
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