ICH BIN SO WÜTEND AUF EUCH.

Auf diejenigen, die gerade jubeln.

Auf diejenigen, die braune Scheiße schönreden.

Auf diejenigen, die glauben, wenn nur oft genug darin herumgerührt wird, wird irgendwann süße Schokolade daraus.

Wird es nicht.

Und bevor jetzt jemand glaubt, das hier sei wieder ein Text für eines meiner Bücher:

Nein. Das hier bin ich. Astrid.

ICH KENNE MUSTER.

Verdammt gut sogar.

Ich habe elf Jahre gebraucht, um meine eigenen zu erkennen.

Deshalb weiß ich auch, wie so etwas funktioniert.

Ein Muster kommt nicht zur Tür herein und sagt:

„Hallo. Ab heute verändere ich dein Denken.“

Es schleicht sich ein.

Ein Satz.

Noch ein Satz.

Eine Wiederholung.

Eine Erklärung.

Immer und immer wieder.

Irgendwann wird aus „Das kann doch wohl nicht wahr sein“ ein:

„Na ja, ganz Unrecht haben die doch nicht.“

Und irgendwann klingt etwas vollkommen normal, bei dem man ein paar Jahre vorher noch gefragt hätte:

„Habt ihr eigentlich den Arsch offen?“

Ich kenne diesen Mechanismus aus einem völlig anderen Teil meines Lebens.

Aus der Co-Abhängigkeit.

Nein, ich behaupte nicht, dass politische Überzeugungen und Co-Abhängigkeit dasselbe sind.

Aber Muster bleiben Muster.

Wiederholung.

Gewöhnung.

Rechtfertigung.

Verteidigung.

Und irgendwann verteidigt man möglicherweise sogar etwas, das man früher selbst abgelehnt hätte.

Genau das macht mir gerade mehr Angst als irgendein Balken in irgendeiner Wahlsendung.

Denn natürlich haben Menschen echte Sorgen.

Sie haben Angst um ihre Rente.

Um ihre Arbeit.

Um ihre Miete.

Um ihre Sicherheit.

Um ihre Zukunft.

Sie erleben einen Staat, bei dem an allen Ecken Geld fehlt.

Und dann kommen die einfachen Antworten:

Wir wissen, wer schuld ist.

Wir wissen, wie es geht.

Wir räumen auf.

Mit uns wird alles anders.

Ja klar.

Und Geld wächst auf Bäumen.

Ein cooler Spruch ist noch keine Politik.

Eine Provokation ist noch keine Lösung.

Und ein Wahlversprechen wird nicht finanzierbar, nur weil man es oft genug ins Mikrofon brüllt.

Auch die AfD kann kein Geld scheißen.

Auch sie müsste am Ende Renten, Pflege, Infrastruktur, Verteidigung, Kommunen und all die anderen Aufgaben dieses Landes bezahlen.

Auch sie müsste rechnen.

Und wenn das Geld nicht reicht, bleiben am Ende dieselben Möglichkeiten:

mehr einnehmen, weniger ausgeben, Schulden machen, Leistungen verändern.

Oder eine Mischung daraus.

Kein Zauberstab.

Mathematik.

Und dann ist da noch unser Bundeskanzler.

Merz ist schuld.

Das höre und lese ich inzwischen gefühlt an jeder Ecke.

An allem?

Ernsthaft?

Ich halte Friedrich Merz ganz sicher nicht für den politischen Messias.

Manchmal wirkt er auf mich wie ein Weichei.

Und manchmal frage ich mich bei seinen vollmundigen Aussagen, ob Baron Münchhausen inzwischen im Kanzleramt wohnt und schon die Kanonenkugel sattelt.

Aber erklärt mir doch bitte einmal:

WORAN GENAU IST DIESER EINE MANN ALLES SCHULD?

An Problemen, die dieses Land seit Jahrzehnten vor sich herschiebt?

An maroder Infrastruktur?

An der Rente?

An der Pflege?

An überbordender Bürokratie?

An den finanziellen Problemen der Kommunen?

An allem, was lange vor seiner Kanzlerschaft entstanden ist?

Wie praktisch.

Wir haben wieder einen Schuldigen.

Auch das ist ein Muster.

Also Merz weg.

Und dann?

WER KOMMT?

Wer ist dieser sagenumwobene Superkanzler oder diese Superkanzlerin, die Deutschland anschließend rettet?

Wer geht morgens in den Keller des Kanzleramts, schiebt einen alten Aktenschrank zur Seite und ruft:

„LEUTE! ICH HABE DIE MILLIARDEN GEFUNDEN!“

Niemand.

Denn auch nach einem Kanzlerwechsel wächst Geld nicht auf Bäumen.

Und wenn dieses Land sparen muss, dann wird jede Regierung unangenehme Entscheidungen treffen müssen.

Allerdings hätte ich dazu einen Vorschlag:

FANGT VERDAMMT NOCH MAL OBEN AN.

Bei euch selbst.

Bei Strukturen.

Bei Posten.

Bei Privilegien.

Bei unnötigen Ausgaben.

Bevor ihr wieder den Menschen erklärt, worauf sie verzichten sollen.

Vielleicht würde das sogar ein kleines bisschen Vertrauen zurückbringen.

Aber aus meiner Wut auf die derzeitige Politik wird trotzdem keine Begeisterung für braune Kacke.

Scheiße wird schließlich auch nicht zu Schokolade, wenn man lange genug darin herumrührt.

Und vielleicht wäre jetzt tatsächlich ein guter Moment, manchen Menschen ein Geschichtsbuch in die Hand zu drücken.

Nein.

Heute ist nicht 1933.

Das behaupte ich nicht.

Aber Geschichte zeigt ziemlich eindrucksvoll, was geschehen kann, wenn Menschen mit Angst, einfachen Antworten, Feindbildern und Heilsversprechen gefüttert werden und sich Grenzen Stück für Stück verschieben.

Geschichte muss sich nicht wiederholen.

Aber man sollte verdammt noch mal erkennen, wenn sie anfängt zu reimen.

Und deshalb ziehe ich für mein eigenes Leben jetzt eine Grenze.

Ob schwarz oder weiß.

Ob Frau oder Mann.

Ob behindert oder gesund.

Ob hetero, schwul oder lesbisch.

Ob hier geboren oder irgendwo anders auf dieser Welt.

Für mich ist ein Mensch ein Mensch.

Gleich an Würde.

Gleich an Wert.

Darüber gibt es mit mir keine Diskussion.

Und wer braune Kacke in meinem persönlichen Umfeld verbreitet, feiert, relativiert oder so lange schönredet, bis sie angeblich gar nicht mehr braun ist:

Du darfst gehen.

Du musst dich nicht erklären.

Ich werde dich nicht überzeugen.

Ich werde dich nicht retten.

Und ich werde dein Muster auch nicht für dich durchbrechen.

Das musste ich bei meinem eigenen schließlich auch selbst tun.

Elf verdammte Jahre lang.

Und eines habe ich dabei gelernt:

Nur weil ich heute erkenne, wie ein Muster entstanden ist, muss ich es noch lange nicht in meinem Leben dulden.

Astrid Hecken, 7. September 2026